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2022 Ein Leben ohne Brüste

Hier auf diesem Blog nutzen wir das Fleckchen Internet und sprechen mal ganz ungeschönt und ehrlich über das facettenreiche Thema Brustkrebs, in dem es sicherlich tragische Momente- aber ebenso viele Schöne gibt
(Gibt’s echt- versprochen!).
Hier und da fokussieren wir uns auf Themen, aber an vielen Fragen schlittern wir einfach vorbei.

So auch die nicht ganz unberechtigte Frage  Wie ist das Leben ohne Brüste?-  über die wir heute sprechen werden.
Mir begegnet die Frage sehr häufig, und deshalb ist heute vielleicht ein guter Tag, genauer darauf einzugehen.

Der Text fußt in meinen eignen Erfahrung, nicht selbstbestimmt über das Schicksal seiner Brüste bestimmen zu können.
Sich gegen einen Aufbau zu entscheiden, ist eine ebenso gleichwertige Methode einer Krebsoperation, wie ihre rekonstruktiven Alternativen.
Das zu bewerten und zu entscheiden obliegt niemand anderen als einer Patient:in selbst.
An dieser Stelle verweise ich immer sehr gern an Ablatio mammae e.V. Selbtbewusst ohne Brust.

Zurück zu mir:
Hätte ich mich freiwillig für die Abnahme beider Brüste entschieden? Nein.
Würde ich es immer wieder genauso machen? Ja, definitiv.

Ich möchte euch deshalb einen Einblick verschaffen, wie es zu der Ablation gekommen ist, warum ich keinen Brustaufbau hatte und vor allem, wie es sich lebt, als Frau ohne Brüste.

Die Brust zu entfernen, war nicht meine Entscheidung. Nachdem ich unter laufender Chemotherapie ein großes Rezidiv bekam und damit das Zweite und Dritte Medikament keine Wirkung zeigte, musste schnell gehandelt werden.
Gemeinsam mit meinen Ärztinnen traf ich die Entscheidung die Brüste zu entfernen, damit zeitig mit der Bestrahlung und parallel dazu mit einer weiteren Chemotherapie begonnen werden konnte.
Da Chemo und Bestrahlung sich gegenüber toxisch verhalten können (also beide Wirkungen gegeneinander verstärkt werden) haben wir uns entschieden, zunächst keinen Aufbau zu machen, um die Wundflächen zu schonen und die Wundheilung, die durch die Chemotherapie ohnehin gestört ist, vordergründig zu gewährleisten.
Die Option von Silikon oder einem Expander war in meinem Falle ohnehin nicht gegeben. Meine Brust war zu groß, ein Silikonimplantat in dieser Größe wäre zu schwer für die Naht gewesen und deshalb fokussierten wir uns auf eine Aussicht auf einen Aufbau mittels einer DIEPFLAP-Operation (= einer Rekonstruktion der Brust aus dem Unterbauch), wenn die Strapazen überstanden waren.
Die Chemotherapie, in die ich so große Hoffnung gesetzt hatte, hatten nicht ihre erhoffte Wirkung gezeigt.
In solchen Momenten an Brustästhetik zu denken hatte für mich in diesem Moment keine Priorität. Es fühlte sich nicht richtig an, weil wir in unserem Handeln eigentlich um das Leben kämpften, und nicht um (m)eine Brust.  
Ich wollte leben und so kam es zur Mastektomie ohne Wiederaufbau. Ablation, oder, wenn man es drastisch ausdrücken möchte, zur Amputation.

Später, wenn ich mich in ruhigeren Fahrwässern befand wollte ich mich um einen Aufbau kümmern.
Leider kam es dazu nicht. Obwohl ein Erstgespräch recht aussichtsreich erschien, rieten mir die Ärzte von einem Wiederaufbau ab.

Während und nach der Bestrahlung kam es zu großen Komplikationen.
Ich erspare euch Details und halte es faktisch: Mein Oberkörper, mein Rücken und Teil meiner Arme waren eine einzige Wunde, die heute natürlich eine unelastische Narbenfläche ist und auch Organe sowie die Gefäße unter der Haut (Hauptversorgungsadern und Gefäße) wurden bei dieser Maßnahme verletzt.

Die Gefäße der Haut im Bestrahlungsgebiet waren zu sehr beschädigt worden und man befürchtete, dass das Transplantat nicht halten würde.
Und so lebe ich heute, nehme die Situation wie sie ist und stehe jeden Morgen trotz allem mit dem Wissen auf, mich für den richtigen Weg entschieden zu haben.
Ein Aufbau ist also entgegen aller Vorstellungen nicht immer medizinisch möglich.

Und jetzt sprechen wir Tacheles:
Immer häufiger wird über Krebs gesprochen und immer häufiger wird Krebs gezeigt.
Auch Frauen mit abladierter Brust sieht man in Hochglanzmagazinen.
Stolz und anmutig stehen sie da, das Kinn erhöht, die Brust mit vollstem Atem empor gestreckt.
Immer noch denkt man beim Anblick an die schönen Amazonen, an Siegerinnen im Einzelkampf gegen das Schicksal Krebs.
Scheinbar selbstbestimmt mit vollster Selbstliebe und Überzeugung stehen sie da, mit ihrer Brust, die keinem konventionellen Schönheitsideal entspricht und die dennoch in sich voller Stärke, Entschlossenheit und Schönheit strahlen.
Natürlich sind diejenigen, die gezeigt werden, wunderschön.
Sie haben keine Zahnlücken, keine krummen Nasen, tolle Proportionen und glatte Haut ohne Unreinheiten und Cellulite. Klar zaubert das die Spuren ihrer Erkrankung nicht weg, aber liebe Frauen:
Das ist natürlich nicht die Realität. Nicht mit Brüsten, und ohne selbstverständlich auch nicht.
Auch Inszinierung und Photoshop machen vor Erkrankungen keinen Halt.
Aber mit Krebs im Rucksack triggert mich die Darstellung noch mehr, als ohne. So geht es ja um nackte Körper und selten um Kleidung, die zum Zwecke des Verkaufs von den Models präsentiert wird.

Ich bin ehrlich:
Heute gibt es sicherlich Tage, an denen ich mich genauso stolz fühle, wie man es mir suggerieren möchte.
Ich ziehe meine Lippen nach, atme tief ein und fühle mich lebendig und stark.
Aber bis dahin war es ein Weg, über den gesprochen werden muss, weil die Wahrheit eine andere ist. Denn meinem lauten und lebensfrohen Lachen gingen schwere Zeiten voraus, und auch die gehören dazu, wenn man über Krebs spricht.
Anfangs haben mich die Bilder aus den Hochglanzmagazinen sehr traurig gemacht. Sie zeigten, was ich sein wollte, aber in diesem Moment ganz bestimmt nicht war.
Ich fühlte mich verletzt. Körperlich verletzt- und ganz und gar nicht stark.

Denn die Frau von heute, im nachgezogenen roten Lippenstift, mit langen Haaren, die gibt es.
Aber häufig nur, wenn ich sie zurechtmache.
Die gleiche Frau steht natürlich morgens mit zerzausten Haaren, gequollenen Augenlidern und –ringen im Baumwollpyjama und Schlappen vor dem Spiegel und schlurft betreten zum Klo. Sie hat etwas breitere Hüften, einen kleinen Bauch, und stämmige Oberschenkel. Früher hatte sie dazu noch eine große Brust- eine Sanduhrfigur. Heute ist sie eher eine Birne. Eine unproportionale – . Schmackhaft, aber angeditscht.
Sie hat im Winter ein bisschen blasse Haut, ein schwaches Bindegewebe, und sicher erkennt auch ihr euch wieder: Wenn sie sich versucht zuzulächeln, morgens noch ohne Kaffee, fällt ihr ein, dass ihre Sinne noch nicht auf Empfang sind.
Diese Frau bin ich.


Ich schließe die Augen und hüpfe ohne in den Spiegel zu schauen unter die Dusche.
Weil ich noch nicht bereit bin, zu realisieren, was ich jeden Morgen sehe. Jeden Morgen. Auch, wenn es Relikte meiner Erkrankung sind, so werde ich doch jeden Tag an eine schwere Zeit meines Lebens erinnert.
Und dass, obwohl ich mich mit allen Sinnen versuche zu erinnern, wofür diese Narben stehen.
Wenn ich angezogen bin, spielt all das keine Rolle. Ich bin inkognito, häufig auch für mich selbst.
Meine Lebensrealität ist eine andere und in meinem Alltag denke ich sehr wenig an Krebs und seine Folgen.
Wenn ich also Wäsche zusammenfalte, die Spülmaschine aufräume oder im Supermarkt an der Kasse stehe, dann fühle ich mich gesund und vital. Vollständig und normal. Die Vergangenheit ist weit weg.
Und tatsächlich ist es dabei absolut egal, ob ich Lippenstift trage oder nicht.
Ich lebe ein ganz normales, alltägliches Leben. Das Mittelding zwischen angeditschter Biobirne, und der anmutigen Amazone.


Die meisten, die abladiert werden müssen, befinden sich in einem Zustand, in dem sie sich selbst vielleicht fremd sind.
Sie hatten vielleicht vorher Chemo und tragen eine Glatze oder eine moderat pfiffig-reudige Kurzhaarübergangsfrisur. Sie haben Nächte gegrübelt, zerdacht und sind emotional durch die Gesamtsituation belastet. Ich für meinen Teil hatte zugenommen und fühlte mich schwammig, aufgedunsen und hatte Akne im Gesicht. Von den Augenringen und Pergamenthaut, dem Cortisongesicht fange ich erst gar nicht an.
Und vielleicht bist du gerade traurig. Und vielleicht ist das ein emotionaler Punkt, in dem du dir erlaubst, deine Situation zu betrauern, das Schicksal zu verfluchen und dich woanders hinzuwünschen.
Und vielleicht hast du auch Sorgen, vor Partnerschaft und Sexualität.
Vielleicht fragst du dich, was die Ablation mit deiner geschlechtlichen Identität macht.
Und vielleicht bist du wütend. Und vielleicht gerade deshalb ganz und gar nicht anmutig und stolz.
Und unter uns: Das ist absolut richtig und absolut okay. Das gehört dazu.

Und vielleicht meint es jemand gut und schickt dir Portraits von abladierten Frauen.
Und vielleicht googelst du selbst nach ihnen.
Und vielleicht zeigen sie dir ganz brutal und plakativ in diesem Momenten das auf, was du gerade nicht bist und gerade nicht sein kannst.
Hilflos, hoffnungsvoll und mit Blick auf einen Verband und einem aufgeblähten Bauch.

Oft wird auch von anderen erwartet, dass wir die anmutigen Amazonen sind.
Ich empfand das immer als Hohn. Millionen Frauen solidarisieren sich, wenn es darum geht Cellulitis oder Falten zu bekämpfen. Sie trösten sich, empfehlen sich Cremes, Klopfen, streichen und trinken Shakes. Aber ausgerechnet du sollst brustlos, stolz und glücklich allen Komplexen zum Trotze vorangehen und die Brust, Brust sein lassen. Pah!

Mit diesem Text möchte ich dir etwas mitgeben: Es gibt nicht dieses schwarz- und weiß.
Du kannst schön, stolz, klug und anmutig sein und dich trotzdem verletzt fühlen.
Du kannst trotzdem die Augen zusammenkneifen, wenn du unter die Dusche gehst, aber am Strand im Bikini Beachvolleyball spielen.
Manchmal hält sich diese Wahrnehmung nicht die Waage, das ist im Leben manchmal so.


Du hast die richtige Priorität gesetzt, die richtige Entscheidung getroffen, ob selbstbestimmt oder nicht.
Leben ohne Brüste, oder ein Sterben damit.
Deine Entscheidung, sofern du eine hattest fußt bestimmt nicht in einem Bedauern, sondern in Perspektiven, mit denen ein Annehmen neuer Lebensumstände mit und nach einer potentiell lebensverkürzenden Erkrankung.

Im Laufe der Zeit ergeben sich Möglichkeiten, man gewöhnt sich an das Körpergefühl, man kennt die Ausstattung und auch die Vorteile (!).
Man gewinnt eine Sicherheit im Umgang mit seinem Körper, der so viel mitgemacht hat und bietet ihm den Frieden als Belohnung an.

Was ich unbedingt noch sagen wollte:
Wie du ja weißt, gibt’s keine Amazonen mehr. Wer läuft schon verschwitzt in Lederrüstung mit Doppelaxt und einer unbekleideten Brust an einem diesigen Dienstagmorgen im März laut schreiend zu Pferde zum Supermarkt? Eben.
Wir leben in einer Welt, in der eine gute Bio-Birne vom lokalen Obsthof der Inbegriff von Tugend ist:
Pur. Empfindlich. Lecker. Anerkannt. Nachhaltig. Und Perfekt unperfekt. Echt.
Eben so wie wir.

Dicker Drücker,

Ein Kommentar zu „2022 Ein Leben ohne Brüste

  1. Vielen Dank für deine Offenheit.am gewinnt durch die Medien anscheinend immernoch zu wenig Einblicke. Umso wichtiger ist es, das jemand wie du ganz innen spricht.

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