Monatsrückblicke

Januar 2019 Anschlussheilbehandlung

Der Januar, so glaube ich ganz fest, begann mit einem Abschluss.
Ich bin nach St.Peter-Ordning in die Klinik Nordfriesland zur Anschlussheilbehandlung gereist.

Doch kann man so einfach einen Punkt unter diese ganze Krebssache setzen?
Und dass auch noch in einer onkologischen Klinik voller Krebspatienten?
Eigentlich hatte ich ehrlich gesagt die Faxen dicke.
Genug Krebs, genug Krankenhäuser, genug davon- genug von allem!

Am Anfang meiner Erkrankung hatte ich mir aber geschworen alles zu tun, um wieder gesund zu werden.
Ich schluckte also meinen Groll herunter und packte meinen Koffer.
Es sollte sich als die beste Entscheidung herausstellen.
Ich erhole mich hier und gleichzeitig fordere ich mich. Körperlich und mental.
Es ist schmerzhaft und es ist wohltuend zu gleichen Teilen.

Ich wollte mal Zeit mit mir selbst verbringen, um mich zu sortieren und zu verstehen, was im letzten Jahr passiert war.
Oder noch schlimmer: ich musste mal Zeit mit mir selbst verbringen.

Nach einer Woche in der Reha wurde mir klar, dass es nicht so einfach ist, die Krebszeit hinter mir zu lassen.
So einen Reset-Knopf gibt es leider nicht, kein Ausstieg in der Achterbahn während der Fahrt.

Während der Chemotherapien bekam ich einen Plan, an dem ich mich entlanghangeln konnte.
Jetzt gibt es keinen Plan mehr.
Auf jeden Fall keinen, der meinen Alltag ersetzen sollte.

Man steht also da und ist erstmal ratlos.
Wie geht dieses Leben danach?
Was ist geblieben?
Wo kann ich ansetzen?

Leider ist es nicht so, dass man die Behandlung abgeschlossen hat und alles ist gut.
Als ich die Diagnose bekam, fühlte ich mich gesund wie eh und je.
Ich hatte wieder mit dem Sport angefangen und konnte damals schon Erfolge verbuchen.
Mir tat nichts weh und es gab keine Anzeichen darauf, dass ich schwer erkrankt bin.
War ich aber. Dies zu akzeptieren hat lange gedauert.

Im Umkehrschluss funktioniert es nicht.
Ich bin gesund, aber körperlich habe ich mich noch nie so elend gefühlt wie jetzt.
Mein Oberkörper ist taub, ich kann mich nicht bewegen, leider an Muskelschwund und habe steife Gelenke.
Ich bin noch nicht ganz fit und noch nicht ganz da (…das Oberstübchen… ihr versteht..)
Im Gegensatz zu letztem Jahr fällt es mir aber leichter meinem Körper all das zu verzeihen, so weiß ich doch, zu welchen Höchstleistungen er im Stande ist.

Trotzdem muss ich noch weiter kämpfen, denn so gebrechlich- so möchte ich nicht bleiben.

Es ist eine andere Art von Kampf.
Jetzt geht es nicht mehr um das blanke Überleben, es geht um die Kür.
Und während ich das so schreibe, bekomme ich Gänsehaut.
Es geht um Zukunft, die ich mir die vergangenen Monate nur schwer vorstellen konnte.

Ich wünschte, ich könnte schreiben, dass das Happy End glücklich ist und schön.
Das ist es auch. Aber es ist auch fremd, verstörend und anstrengend.

Hier hilft mir die Reha ein ganzes Stückchen weiter.
Ich verbringe hier Zeit mit mir selbst.
Ich muss mich noch in keine Rolle einfinden.
Ich bin keine Mutter, keine Ehefrau, keine Arbeitskraft, keine Tochter, kein Fahrdienst, keine Köchin, kein „ich muss noch dies-und-das erledigen-.
Hier bin ich erstmal eine, die gerade ein schlimmes Jahr hinter sich hat.
Eine, die ganz für sich selbst körperliche Fortschritte feiert und wieder anfängt sich selbst anzunähern.
Eine, die durchatmen kann, bevor es ins Finale geht.

Hier in St. Peter-Ording habe ich gelernt durchzuatmen, inne zu halten und zu genießen.
Ja, ich atme wieder und denke nicht mehr von einen Tag zum nächsten.
In meinen Gedanken ist wieder Platz für eine Zukunft.

Ich hole mir mein Leben zurück und wenn ich wiederkomme, dann stehe ich hoffentlich wieder im mitten drin und suche meinen neuen Alltag.

Ob ihr es glaubt oder nicht- ich freue mich auf diese banalen Dinge.
Arbeit, Wäsche waschen, Bolognese, Kinderturnen. Glücklich sein.

Ich möchte es wieder sein:
Die Mutter, die Ehefrau, die Berufstätige, die Tochter, der Fahrdienst, die Köchin, die Trösterin.
Keine Krebspatientin mehr.

 

 

 

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