Allgemein

2022 Die Würde eines Menschen ist unantastbar. Außer, man braucht etwas. Dann nicht.

Ich bin gerade dünnhäutig. Sehr dünnhäutig.
Meine Erkrankung ist nicht der Auslöser, sondern die Absurditäten des Verwaltungsaufwandes, die so eine Erkrankung eben mit sich bringt.

„Administrative Alpträume“, haben wir das einst in einer Podcastfolge genannt und dabei nur grob umrissen, worum man sich kümmern muss.

Heute könnte ich eine ganze Folge alleine füllen mit willkürlichen Absurditäten, die ich auf Kosten meiner eigenen Gesundheit austragen muss.
Von aktenweise Papierbergen, die ich kopieren muss, um sie dann in ein Scanzentrum zu schicken, damit meine Ausdrucke im Anschluss geschreddert werden.
Papierlose Büros lese ich dann in den Qualitätsberichten.
Nachhaltigkeitsgedanken, in einem weiterem Absatz. Klar.

Ich könnte mich aufregen über Facharzttermine, die monatelange Vorlaufzeiten haben.
Oder Rückrufe, die versprochen werden und nicht erfolgen, obwohl sie den Lebensverlauf der kommenden Wochen entscheiden würden.
Ich könnte erzählen, dass mein Bett nach Operationen statt in Krankenzimmern in überlaufenen Fluren stand.
Dass das Schmerzmittel statt an einem Tropf, in meinem Schoß lag, wo es überall hinlief- außer in meine Venen.
Ich könnte erzählen, dass ich keine Möglichkeit hatte mich zu erleichtern.

Davon, dass ich auf Kostenübernahme für ein Medikament warte, und es nicht bekomme, weil ich
drölfzig-tausend Wege nachweisen muss, es auf noch mehr Wegen versucht zu haben.
Auch auf eigene Kosten- natürlich. Seit einem Jahr.
Oder davon, dass ich zu irgendeiner Äußerung zu meinem Rentenantrag warte, den ich auf Anraten der Krankenkasse gestellt habe. Seit Anfang 2021.

Ich habe vieles erzählt und auch vieles verschwiegen. Weil ich mich schämte.
Weil man mich oft glauben lassen wollte, dass ich ein Einzelfall bin.
Dass ich überreagierte. Dass es vielleicht auch ein klitzekleines bisschen meine Schuld ist, nicht genug Verständnis zu haben.
„Sie wissen doch- Personalmangel. Corona. Datenschutz. Sie sind auch nicht die Einzige!“
Dabei verstehe ich wirklich viel und ich kritisiere an dieser Stelle nicht diejenigen, die im operativen Menschen versorgen und pflegen.
Ich kritisiere diejenigen, die unser Gesundheits- und Sozialwesen steuern und dabei die Augen verschließen vor Zuständen, die Tag für Tag herrschen und sich nicht einmal die Mühe machen Lösungswege zu optionalisieren.
Die, die das Klatschen auf Balkonen eine angemessene Lösung ansehen, ohne selbst jemals das Problem benannt zu haben und die, die Gesundheit in die hohe Arbeitsmoral eines Berufsstandes legen, ohne die Grundlagen zu prüfen. Sich hinter Zuständigkeiten der Privatisierungen verstecken.
Ich bin es satt.

Kranksein hat viel mit Würde zu tun.
Und oft und lange habe ich mich gefragt, wer diese Würde eigentlich bemaßstabt.
Je länger ich in dieser Patienten-Spirale bin, desto mehr fällt mir auf, dass es schon lange eigentlich gar nicht mehr darum geht.
Dass Würde sich nicht bemaßstaben lässt, und das Würde in der Umsetzung genauso wenig durchdacht wurde, wie das papierlose Büro.

Im Laufe des letzten Jahres musste ich auch zu Gutachtern gehen. Was bedeutet, dass man sich (Fach-) fremden Ärzten vorstellen muss, die sich einen Gesamtüberblick über die Akten machen und im Optimalfall nach einer persönlichen Visite eine finale Empfehlung aussprechen sollen.
Ist man wirklich so arbeitsunfähig/eingeschränkt/behindert oder krank ist, wie es die behandelten Ärzte befundet haben, deren Arztbriefe man vorher mühsam durch den Kopierer gezogen hat.
Oder ins zweite favorisierte Medium: Das Fax.
(Habt ihr schonmal einen ganzen Leitzordnet durchs Fax gejagt?)

Ich möchte euch jetzt also eine Geschichte erzählen, die sich Ende 2021 im Auftrag einer Behörde hier in Deutschland abgespielt hat.
Beim Gutachter. Dem, der darüber entscheidet, was mit meinem Antrag auf Rente geschieht. Der, der meine finanzielle Zukunft maßgeblich mit beeinflussen wird.
Der, der eine Empfehlung und ein Gutachten im Auftrag der Rentenversicherung schreibt- und dabei fachlich nicht einmal auf meine Erkrankung ausgerichtet war und der, der einschätzen soll, wie arbeitsfähig ich bin- und in Zukunft sein werde.
Dieser Mann ist ein praktizierender Psychiater.

Ob ich mich obenrum mal freimachen könnte, fragte er.
Und obwohl wir nicht mehr als ein „Guten Tag“ ausgetauscht haben, kam ich seiner Bitte nach.
Er hatte keine Umkleidekabine, oder einen Vorhang in seinem Büro.
„Wahrscheinlich lassen die Patienten hier in der Regel ihre Klamotten normalerweise an“, dachte ich noch gutgläubig und tat, was er wollte.
Es war mir unangenehm ihm so entblößt am Schreibtisch gegenüberzusitzen, aber ich zwang mich selbst zu einer Professionalität und wollte kooperativ sein.
Ob ich verheiratet sei, fragte er mich.
„Ja.“
Und die nächste Frage war, wie mein Mann meinen optischen Zustand bewerten würde.
Ich fühlte mich zunehmend unwohl.
Ob mein Mann mit mir schlafen würde, wenn ja, wie oft und ob ich dabei obenrum bekleidet sei.
Neugierig und gleichzeitig abfällig stellte er mir diese Fragen- und gleichzeitig auf eine eigenartige Weise interessiert.
Ob mein Mann mich an der Brust berühren würde- und ob ich das überhaupt spüren würde, fragte er mich.
Ich merkte, wie meine Tränen mir heiß ans Unterlid drückten und ich traute mich nicht, irgendetwas zu tun.

„Sie brauchen Zärtlichkeit“, stellte er fest, nachdem er bedauerte, dass es mich in jungen Jahren so schwer getroffen hatte. Er kam mir näher, als es erforderlich gewesen wäre.

„Spüren Sie hier etwas?“ und berührte mich. Und nochmal etwas fester. Und mehr.
„Hier?“, und nahm jetzt ein dubioses Werkzeug in die Hand, das aussah wie ein kleiner Pizzaschneider mit Zacken. „… und hier?“, während er mir über langsam den Oberkörper rollte.

Ich erspare euch den Rest.

Am Ende war es wie aus einem falschen Film. Wie aus einem klassischen Lehrbuch.
Ich selbst schämte mich, fühlte mich schuldig.
Versuchte sein Verhalten schönzureden, um nie wieder in so eine Situation zu kommen.

Was diese Fragen mit meiner Arbeitsfähigkeit zu tun haben? Nichts.
Rein gar nichts. Nichts mit meinen Diagnosen, nichts mit meinem Verlauf, nichts mit meinen Einschränkungen.

„Nichts“, sagte er. „Ich frage aus Neugier“, rechtfertigte  er seine grenzüberschreitenden Handlungen.

Als ich meinen Fall schilderte, und um einen neuen Gutachter bat, wurde mir das verwehrt.
Er sei der einzige Gutachter in meiner Umgebung, der zur Disposition stünde.

Das Gutachten habe ich nie gesehen. Mein Antrag ist seit 2021 nicht entschieden.

Ich schäme mich noch immer.
Aber aus anderen Gründen.

Wisst ihr, natürlich möchte man eine gute Geschichte erzählen.
Von Dingen, die man zu schätzen weiß, zum Guten wenden konnte, oder dankbar ist. Das Über-sich-Hinauswachsen, von Resilienzen, tollen Ärzten und einem „Tschakaaa“ auf den Lippen.
Diese Passagen kann ich auch erzählen.

Aber Krebs zu haben ist das Erzählen von vielen Dingen, die gleichzeitig passieren- und nicht alle von ihnen sind schön, oder erstrebenswert. Nicht ausgeglichen, oder rational.
Das „ins-Kissen-beißen“, Monster unterm Bett bezwingen oder Systemkritik ausüben gehören dazu- auch wenn sie gleichzeitig mit den guten Seiten des Lebens passieren.
So lange sie in Würde passieren, bin ich bereit sie zu tragen, und authentisch wie möglich über ein Leben mit Krebs erzählen. Denn sie nicht zu erzählen, bringt Menschen in Leidensnot und Scham, die berechtigte Gefühle haben, die man mit einer Krebsdiagnose eigentlich erwartet. Schwäche.
Willkür jedoch, bricht das Konstrukt.

Ich bin müde und ich habe den Glauben verloren. Ich denke, dass vieles in unserem Gesundheitssystem politische Fehlentscheidungen und -steuerungen sind.
Dass Ermessungsspielräume und Behandlungsqualität auf dem Rücken von Menschen ausgetragen werden, die eine hohe Arbeitsmoral haben.
All das möchte ich rausschreien, und trotzdem dankbar sein, dass wir ein Gesundheitssystem haben, dass besser ist, als woanders in der Welt.

Ich möchte trotzdem Kritik üben und sie nicht hinter Dankbarkeit, oder Scham verstecken. Keinen Maulkorb tragen, weil ich Leistungsempfänger bin und es irgendwo ein scheinbar definiertes Rollenverständnis davon gibt, wie viel man persönlich geben muss, um empfangsberechtigt zu sein.
Als kranke Frau, ohne Brüste aber mit klar positionierter Identität.

Weil ich glaube, dass Prozesse niedrigschwellig verbessert, durchdacht und optimiert werden können und stille Dankbarkeit, ein Hinnehmen und Atmen Stillstand und Hinnahme bedeutet.
Wir sehen nur da Potenzial, wo Probleme sind, die man zu lösen versucht.

Heute schäme ich mich nur deshalb, weil ich nicht sofort reagiert habe. Nicht für mich einstand, keine Anzeige erstattet habe, sondern verängstigt war. Dass ich nicht lauter war für mich und alle da draußen. Weil neben der Angst vor meiner Erkrankung auch Existenzängste hatte, die mich gelähmt haben, das Richtige zu tun.
Weil ich an Willkür gedacht und mit Würde zu handeln versucht habe.
Ich bin kein Einzelfall und leider sind Missstände die Regel geworden.
Da sie aber an laufende Verfahren gebunden sind, und man selbst in der Rolle eines Empfängers steht, verstummt die Kritik.

Ich zeige nicht gern mit dem Finger auf andere.
Aber all das passierte mir im Auftrag einer Behörde.
Und bis heute gibt es keine Stellungnahme.

Ich bin so satt.
Ich habe keine Lösung, und vielleicht braucht es sie in meinem Fall auch nicht auf dem silbernen Tablett.
Ich nehme auch einen Brief aus Papier.
Und Faxe kann ich neuerdings auch empfangen. Sogar digital.

#gernperfax #keinanschlussunterdiesernummer #wählensiebittediezwei

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