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2023 Eins, zwei, drei….Mutmacherei

Ihr ahnt überhaupt nicht, wie oft ich diesen Text geschrieben und wieder gelöscht habe.
Neu begonnen. Wegradiert. Worte gesucht.
Warum?
Weil viele schätzenswerte Profile und Organisationen den Claim „Mutmacher*in“ verwenden und ich dem überhaupt nichts entgegensetzen habe, oder gar darüber richten möchte.
Mehr noch: Ich möchte es bei anderen auch überhaupt nicht bewerten.
Und noch mehr: Ich finde es sogar gut.

Aber für mich persönlich klemmt es. Das bin ich nicht. Ich fühle es nicht.
Es inspiriert mich nicht.

Ich bin nicht mutig. Und möchte auch keine Mutmacherin sein.
Ich möchte ich selbst sein.
Die, die ganz und gar nicht mutig ist.
Eine, die mal fällt. Und flucht.
Eine, die mal laut ins Taschentuch schnieft und dann wieder aufsteht, weil sie muss.
Ich möchte mittendrin sein. So mittendrin, wie eigentlich alle in dieser Lebenslage.
Ich möchte gleichwohl geben und nehmen dürfen- ohne meine Authentizität in Frage zu stellen.
Ich möchte Fehler machen, und daraus lernen. Ich möchte meine Sicht der Dinge verändern.
Ich möchte heute sportlich sein und morgen offen meinen Schweinehund knurren lassen.
Ich möchte euch heute sagen, dass ich müde bin und morgen auf Konzerten tanzen.
Ich möchte keinen starren Rahmen eines Mutmachers und kein „how-to-survive“- Heiligenschein, mich nicht über die Neuerkrankten stellen, und erst recht nicht, an den anderen vorbeiziehen.

Ich suche auch keine Mutmacher.
Ich suche Wegbegleiter. Augenhöhe. Austausch. Impulse und Inspiration. Verständnis.

„So mutig von ihr, mit Glatze rauszugehen“
„So mutig von ihr, mit der Figur am Strand zu liegen“
„So mutig von ihr, sich die Brüste abnehmen zu lassen“

Ich möchte diese Art von Mut nicht versprühen, weil er nicht echt ist.
Weil es nicht zeigt, dass ich am Liebsten ohne Haare das Haus nicht verlassen hätte- und es nur deshalb getan habe, weil ich meinem Sohn nicht das Gefühl vermitteln wollte, dass wir uns für etwas schämen müssen.

Es zeigt nicht, dass ich meine glatte Haut ohne Ödeme so fest vermisse, dass es schmerzt.
Dass ich gern wieder mein schlankes Ich sehen würde, und das zugehörige Körpergefühl natürlich dazu.

Es zeigt nicht, dass es nicht meine Entscheidung gewesen ist, mir beide Brüste zu amputieren und dass ich nicht mit der Schulklasse, Lehrern und Eltern schwimmen gehen würde, weil sie nicht um unsere Geschichte wissen und mich eine Umkleidesituation gedanklich schon in Verzweiflung bringt.

Diese Art von Mut bagatellisiert und bildet nicht ab, wie die Wirklichkeit ist.
Und genau das macht es am Ende auch gefährlich, weil sie einen positiven Umgang unterstellt, von dem alle sagen, wie wichtig er ist
(= toxische Positivität)
Aber nicht der Umgang am Ende des Weges ist das Inspirierende- es ist der Weg dorthin.
Es ist nicht das Positive, was man versprühen möchte- es sind doch die Stolperer dazwischen, die so oft nicht gezeigt werden.

Und ich verstehe den Impuls, sich selbst zu labeln.
Als Geber-als Mutmacher:in.
Dahinter steht der Wunsch, sich selbst aus der Bedürftigkeit der Lebenserschütterung zu holen und andere am Aktionismus des Lebens teilhaben zu lassen und mitzureißen.
Aus der Fremdbestimmung die Selbstbestimmung einziehen zu lassen und anderen zu zeigen, dass es möglich ist.
Das Mitleid, das man bekommt entschieden zurückweisen und mit Selbstbewusstsein kontern.
Ich liebe diesen vibe, aber ich fühle ihn nicht.

In meinem Verständnis, hat Mut etwas mit „sich trauen“ zu tun- und nichts davon ist passiert.
Ich musste mich nichts trauen, weil ich den Kurs meines geplanten Lebens mit der Diagnose verlassen- und das Steuer so lange abgeben musste, bis wieder Land in Sicht gewesen ist.

Deshalb reichen mir diejenigen Geschichten nicht aus. Für mich zählt nicht die Gemeinsamkeit „DASS“ wir Krebs hatten, sondern vielmehr das „WIE“- und viel zu oft bleibt genau das unerzählt.

Aber können wir nicht alle Mutmacher sein? Nein.
Kennt ihr eigentlich den Kino-Effekt?

Wenn im Kinosaal auch nur eine Person meint aufsteht, damit sie besser sehen kann, werden andere ihr folgen müssen.
Einer nach dem anderen wird aufstehen bis am Ende alle stehen.
Im Ergebnis können zwar alle gut sehen- stehen aber, anstatt gemütlich zu sitzen.
Die Situation verschlechtert sich also für alle- und keiner merkt´s.
Aber in jedem Kino wird es Menschen geben, die nicht mit aufstehen können, weil die Verfassung es nicht zulässt.

Der Mutmachergedanke nimmt nicht alle gleichwertig mit.
Und das ist ja in einer Gemeinschaft, in der wir sein wollen sicherlich nicht so gewollt. Es schließt mehr aus, als dass es einnimmt und deshalb finde ich es eigentlich viel schöner, wenn wir alle gemütlich im Kino sitzen blieben und nicht einer mehr oder weniger „mutmachend“ ist.
Am Ende sitzen wir alle im selben Boot und gehen auf völlig verschiedenen Wegen nach Rom.

Ich möchte nicht die mutige Dicke im Bikini sein, oder die mutige Frau ohne Brüste.
Ich möchte nicht, dass jemand über mich sagt: „Die Paula, die ist total mutig, weil sie über ihre Krankheit spricht“
Ich möchte die Paula sein, die genau das tun kann, ohne dass das Umfeld vor Betroffenheit verstummt.
Ich wünsche mir Normalität im Kontext Krebs- keine Heroisierung.

Es braucht keinen verdammten Mut- sondern viel mehr Selbstverständlichkeit.

@paulinapaulette_

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