2019

2019 April Die Wiedereingliederung

Ich bin schnell begeisterungsfähig und arbeite gern selbstbestimmt und frei.
Meine Arbeit war mir immer wichtig gewesen.
Trotzdem sind mir auch Strukturen und wiederkehrende Abläufe wichtig-
ich mag Routinen, Traditionen und wenn ein Betrieb es geschafft hat eine ganz bestimmte Athmosphäre zu schaffen (ihr wisst schon),
dann stelle ich mich und meine Arbeitskraft gern zur Verfügung.

Ende 2017 bin ich an Krebs erkrankt und ich konnte nicht mehr arbeiten gehen.
Ich war lange nicht an meinem geliebten Schreibtisch und habe sehr darunter gelitten, dass mein Alltag mir entglitten ist.
Von Null auf Hundert wurde ich zur Vollzeitpatientin und es gab wenig, dass mich eigentlich hätte so vielseitig ablenken können, wie meine Arbeit.
Sich einzugestehen, dass es nicht möglich ist zu arbeiten, kostete mich sehr viel Überwindung und ich würde behaupten, dass ich es bis zum Schluss nicht geschafft habe das zu 100% zu glauben.
Nach 1,5 Jahren sollte es nun aber wieder losgehen und ich hatte Respekt.
(Nein, das ist untertrieben- ich freute mich, aber ich hatte wahnsinnige Angst).

Wovor fürchtete ich mich so sehr?

  • 1,5 Jahre sind eine lange Zeit.
    Der Betrieb hatte sich verändert, ich hatte mich verändert und ich hatte große Angst, dass wir nicht mehr zueinander passen könnten.
  • Krebs brachte viele Nebenkriegsplätze mit sich.
    Ich hatte Angst , dass ich vor lauter Physiotherapie, Rehasport und Arztterminen andere Dinge vernachlässigen würde, die mir wichtig sind.
    (Stichwort: Zeitmanagement!)

Erstaunlicherweise hatte ich keine Angst davor, dass mein Job mich kognitiv überfordern würde. Das traute ich mir zu.
Ich vertraute darauf, dass es mit Sicherheit einen Bereich geben musste, dem ich gewachsen bin.
Ich arbeite in einem sehr dynamischen Bereich und ich wusste, dass jede helfende Hand gern gesehen wurde.
Ich habe einen Bürojob und meine Arbeit besteht meistens aus Projekten.

„Meinst du, du schaffst das?“, „Ist es noch nicht zu früh?“
Sicherlich bekam ich auch hier und da Zweifel, aber ich sah nicht ein, in geduckter Haltung meinen ersten Arbeitstag anzutreten.
Ich habe lange auf meinen ersten Arbeitstag warten müssen und ich habe ihn mir zurück erkämpft.

Ja, wahrscheinlich werde ich jetzt schneller müde, oder kann mir einige Dinge nicht so gut merken.
Aber: Ich bin eine motivierte Mitarbeiterin und meine Motivation ist in Worten nicht zu beschreiben.

Ins Büro zu gehen gibt mir das Gefühl es geschafft zu haben- wie ein Zieleinlauf, und nachdem ich vieles während der Krankheit aushalten und aussitzen musste,
kann ich hier wieder aktiv werden. Das fühlt sich toll an!
Es gibt sogar Momente, an denen ich das Gefühl habe, dass mich die Krankheit nicht zerbrochen hat, sondern ich an ihr gewachsen bin.
Bei der Arbeit merke ich das besonders.
Menschlich gesehen komme ich mit mehr zurück, als ich gekommen bin.

Projekte mit Prioritäten zu versehen,  fiel mir manchmal schwer.
Das ist nicht mehr so.
Ich treffe Entscheidungen jetzt sicherer und bestimmter- Gewissenskonflikte habe ich deshalb nicht mehr.

Zurück zur Wiedereingliederung.
Eine Wiedereingliederung nach Hamburger Modell dient nach einer längeren Erkrankung dazu, sich stundenweise wieder im Arbeitsalltag zu orientieren.
Während der Eingliederung bekommt man in der Regel Kranken- oder Übergangsgeld und steht damit unter einem besonderen Schutz.

Ich habe mich dazu entschieden, tageweise anzufangen.
So sah mein Wiedereingliederungsplan aus:

  1. Woche:  Zwei Mal die Woche, á 4 Stunden
  2. Woche:  Drei Mal die Woche, á 4 Stunden
  3. Woche:  Drei Mal die Woche, á 4 Stunden
  4. Woche: Vier Mal die Woche, á 4 Stunden
  5. Woche: Vier Mal die Woche, á 6 Stunden

Danach war ich wieder voll dabei.

Dazwischen war noch ein langes Wochenende, weil einige Feiertage die Wiedereingliederung unterbrochen haben.
Bis zum Ende des Jahres nutze ich meine Resturlaubstage der letzten Jahre dafür, um mir eine Teilzeit zu gestalten.
Freitags nehme ich deshalb jetzt immer Urlaub und arbeite deshalb nur an vier Tagen in der Woche.

In Absprache mit meinem Arzt informierte ich meinen Arbeitgeber und konnte den Plan gut umsetzen, es fühlte sich zu jeder Zeit richtig an.

Ich bin wieder zurück- das macht sehr viel mit mir. Viel Gutes.
Ich habe mich so lange nach meinem Alltag gesehnt, ich habe hingefiebert keine Patientin mehr zu sein, sondern eine ganz normale, junge Frau mit Kolleginnen, einem Arbeitsplatz und einem Gehalt auf dem Konto.

Aber:
Mein Haushalt ist furchtbar- zum Sport schaffe ich es nicht so oft, wie gewollt.
Mit dem Zeitmanagement könnte es besser klappen- ich lasse mir noch ein bisschen Zeit, bevor ich die Situation bewerten.
Es darf sich alles noch zurechtruckeln und zurechtfinden.

Ja, ich bin glücklich. Ich bin geduldiger mit mir und ich bin dankbar.
Noch habe ich keinen Monday-Blues- ich freue mich- auch montags– im wahrsten Sinne des Wortes- des Lebens.

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