Monatsrückblicke

2018 Mai Nach der Ablatio

Meine Augen öffneten sich langsam im Aufwachraum. Ich wollte sie schnell wieder schließen. Ich wollte noch ein bisschen vor mich hindämmern und wollte auch, dass dieser Tag vergeht. Ich wollte mich mit nichts auseinandersetzen. Das funktionierte nicht. Ich war hellwach. Zuerst hatte ich das Gefühl mich an einer Überdosis Sauerstoff zu verschlucken, aber ich war nirgendwo angeschlossen. Ich realisierte, dass mein Brustkorb so leicht geworden ist, dass mir beim Atmen die Luft nur so zuschoss. „Eigentlich ganz schön“, dachte ich und schlief tatsächlich wieder ein.

Ich bin in einem Zweibettzimmer wieder endgültig zu mir gekommen. Mein Mann war kurz mit unserem Sohn gekommen. Mit großem Appetit verdrückte der Kleine die ollen Krankenhausbrote und wir konnten tatsächlich schon wieder darüber lachen.

Als meine Familie weg war, sorgte meine Zimmernachbarin für ein großes Tief. Meiner Zimmernachbarin wurde ein Knubbel entfernt, der sich als harmlos herausgestellt hatte. Dann erzählte sie mir von ihrer Nachbarin. „Nettes Mädel, 32 Jahre alt. Hatte auch Brustkrebs. Ihr würden beide Brüste entfernt, aber dann war sie innerhalb eines halben Jahres tot. Grausam für die Kinder, wenn Sie mich fragen, der Große, 4 Jahre alt, hat es gar nicht gut aufgenommen“.

Sie war mir von vornherein nicht sympathisch. Aber sowas zu sagen war die reinste Folter für mich. Wirklich- ich hatte zwei gescheiterte Chemos hinter mir. Vor wenigen Stunden wurden meine Brüste in eine Petrischale geschmissen. Ich hatte, verdammt nochmal, einen kleinen Sohn und meine größte Angst war es, diesen Kampf zu verlieren. Bis zu ihrer Entlassung sprach ich nicht mehr mit ihr. Ich hatte meine Kopfhörer in den Ohren und lies mir zeitig nach dem Abendbrot Schlafmittel geben.

Am nächsten Tag stand ich auf und watschelte mit meinen Redons ins Bad. Puh! Einantmen und Ausatmen war die Devise und genauso wie nach der OP stellte sich ein leichtes Atmen ein. Das war ein guter Anfang. Der Anblick im OP-Hemd? War okay für mich. Nicht so erschreckend wie befürchtet. Aber ungelogen- was als erstes ins Auge stach war ein ziemlich aufgeblähter Bauch. Ich sah nur Bauch! Oben herum sah ich ziemlich zart aus, aber der Bauch- Wahnsinn. Ich fragte mich, ob meine Brust, oder diese Trommel nun meine eigentliche Problemzone werden würden.

Meinen Oberkörper konnte ich mir nackt nicht ansehen. Das hat sicher zwei Wochen gedauert. Ganz vorsichtig habe ich mich angenähert. Bei Untersuchungen und Verbandswechseln musste ich die Augen zukneifen und jemand musste mir beim Anziehen helfen.

Trotzdem wurde mir schnell eine Sache ganz klar: Meinem „Frausein“ hat diese OP keinen Abbruch getan. Natürlich habe ich noch traurige Momente. Neulich war ich im Einkaufszentrum. In meinem Lieblingswäscheladen gab es meinen Lieblings-BH im Sale. Zack- feuchte Augen. Aber meistens hilft ein tiefes Ein- und Ausatmen. An dieses leichte Gefühl konnte ich mich wirklich gewöhnen.

„Mama, wachsen die Brüste wieder nach? So wie die Haare?“, fragte mein Sohn mich kurz darauf. „Nein, leider nicht mein Schatz. Aber wenn du deine Hand hier auf meine Brust legst, dann spürst du mein Herz ganz deutlich schlagen“, sagte ich und hoffte dabei sehr, dass er nicht merkte, dass mir selbiges schon längst in die Hose gerutscht war.

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