Monatsrückblicke

2019 Februar Wie ist das eigentlich mit der Weiblichkeit?

Meine Anschlussheilbehandlung in St. Peter-Ording habe ich verlängert und bin deshalb Mitte Februar erst wieder nach Hause gekommen.
Es war eine wohltuende Zeit und ich habe wirklich davon profitiert.
Voll bepackt und voller Elan stürzte ich mich in die Dinge, die ich vor dem Berufseinstieg noch erledigen wollte.
Als ich heim kam, stürzte ich mich deshalb in Organisatorisches.
Ich kümmerte mich um Reha-Sport, sprach mit meinem Arbeitgeber, erledigte das, was ich schon lange aufgeschoben hatte, klärte Finanzielles, kaufte Kleidung und erledigte etliche Behördengänge.
Ich hatte noch ein, zwei Herzensprojekte in Sachen Brustkrebs vor mir, denen ich mich unbedingt vor dem Jobstart widmen wollte.

In einem Projekt wurde ich ganz offen und ehrlich gefragt: „Was tust du, um dich weiblich zu fühlen?“
Ich hatte mehrere Möglichkeiten auf diese Frage zu reagieren. Beispielsweise mit Empörung.
Denn die Frage sollte doch eher lauten: „Was müsste ich tun, um mich nicht weiblich zu fühlen?“

Ich entschied mich aber dafür, nochmal über die Frage nachzudenken.
Tatsächlich ist die Frage nach meiner Weiblichkeit nicht unberechtigt. Als ich erfahren habe, dass meine Brust abgenommen werden wird, habe ich mir selbst diese Frage sehr oft gestellt.
Werde ich mich nach dieser Operation noch weiblich fühlen? 
Ich nehme es vorweg- denn vor der Operation hatte ich keine passende Antwort gefunden und musste es deshalb auf mich zukommen lassen.
Ich verstehe aus genau diesem Grunde schon, dass man mir diese Frage besonders oft stellt.

Als ich im April 2018 erfahren habe, dass ich ein Rezidiv habe und der Krebs zurückgekehrt war, hatte ich große Angst.
Als mir gesagt wurde, dass meine Brust amputiert werden muss, habe ich deshalb verhältnismäßig wenig darüber nachgedacht, wie es zukünftig für mich sein wird.
Ich habe auch verhältnismäßig wenig darüber nachgedacht, wie es aussehen wird, und ob es mir, oder irgendjemandem gefallen könnte.
Wenn du die Worte hörst: „…. leider müssen wir deshalb Ihre Brust entfernen….“
Dann steckt dahinter: „…. sonst könnten Sie diese Krankheit nicht überleben.“
Alle Sinne nach Ästhetik waren zurückgeschraubt, denn es ging doch um so viel mehr als um Brüste:
Die „Gefahrenzone Krebs“ lebendig zu verlassen.

Als die Operation durchgeführt wurde, war ich überrascht, wie schnell ich mich mit der Situation arrangiert habe.
Ich wurde wach und ich war weiblich. So weiblich wie vorher, so weiblich wie mit langen Haaren.
Nur weil ich eine Glatze hatte und keine Brüste, ist aus mir nicht plötzlich ein Mann geworden.

Trotzdem ist das nicht die Realität und auch keinesfalls die Antwort, die ihr haben wolltet.
Die richtige Frage würde nämlich lauten: Fühlst du dich sinnlich und schön?
Und hier ist die trockene und traurige Wahrheit: Nein, das tue ich nicht.
Der Krebs hat aus mir keinen Mann gemacht, aber das Gefühl eine aufreizende und schöne Frau zu sein, die sinnlich ist- das hat er mir genommen (Nicht, dass ich mich 24/7 so gefühlt habe, aber ihr wisst schon..)

Bewusst sage ich, dass es der Krebs war- es war nicht die Operation allein.
Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich nicht immer eine nette Anfang Dreißigerin.
Oft, da sehe ich Narben und einen brustlosen Rumpf. Ich sehe einen Port und ich sehe Haare, die ich mir niemals als Frisur so ausgesucht hätte.
Ich muss jetzt tiefer in die Trickkiste greifen, damit all das nicht nach außen sichtbar wird.
Aber im Badezimmer, da stehe ich nackt. Und meistens bin ich alleine.
Es gibt Tage, da tun sie mir weh, diese Spuren, die der Krebs hinterlassen hat.

Inzwischen gibt es aber auch diese anderen Tage, diese, in denen ich es schlichtweg „vergesse“.
Ich vergesse es, unvollständig zu sein, weil es langsam normal wird.
Das schreibe ich euch fast ein Jahr nach meiner Operation. Vorher habe ich es so noch nicht empfunden.
Diese Sinnlichkeit ist noch nicht da, aber sie kommt in kleinen Schritten wieder zurück. Ich bin bereit sie wieder zu fühlen, und weil ich wieder vorsichtig an eine Zukunft glauben kann, glaube ich, dass dieses vermisste Gefühl bald wiederkommt.
Es ist zumindest herzlich willkommen.

Normalität ist etwas ganz wundervolles, etwas Selbstverständliches (auf welche Art und Weise auch immer).
Noch habe ich Angst darum, diese Normalität hergeben zu müssen, das würde ich niemals kampflos tun.
Wenn Normalität „zwei Brüste und 40cm Haar“ kostet, dann hätte es sogar „noch n´ büsch´n mehr sein dürfen“ und wäre immer noch nicht zu teuer bezahlt.

Und am Selbstverständlichen, ja, da arbeite ich noch dran.

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