Allgemein

2022 Unabhängigkeit, Geld und Gesundheit

Es ist mein Geburtstag. Oder Weihnachten. Oder Ostern. Eine Hochzeit, Taufe, eine Einweihungsparty, oder eben irgendein Anlass, bei dem man Glückwünsche austauscht.

Onkel Werner öffnet seine Karte.
„Wir wünschen dir ein dickes Plus auf dem Konto, und ein Minus auf der Waage- verwechsle es bloß nicht wieder“. Allgemeines Gelächter, Onkel Werner fasst sich an die Plauze und prostet der lustigen Meute zu.

Bei mir ist das anders.
„….und am wichtigsten, Gesundheit!“. Andächtige Stille. Anerkennendes Nicken, tiefe Seufzer und ein schneller Themenwechsel.
Manchmal, wenn der Anlass sowieso schwer feierlich und offiziell ist, fügt noch jemand dazu, dass jeder tausend Wünsche hätte, ein Kranker aber nur einen. Ja.

Ich, weiblich, Mitte 30 wünsche mir etwas, was vor meiner Erkrankung niemals möglich gewesen wäre:
Manchmal wäre ich gern Onkel Werner.
Der könnte nämlich ohne weiteres eine Konfettikanone zünden und der Sinn der Party wäre erfüllt. Leichtigkeit und Freude.

Ich hingegen grinse doof in mein Glas, setze mich wertenden Blicken aus
(„hat sie etwa auch noch Alkohol im Sektglas?!?“ Kurzer Spoiler: ja!)
und bin dankbar, weil irgendjemand schnell das Thema wechselt und fragt, wie es überhaupt Tante Gitti geht.

Versteht mich nicht falsch- wir sprechen nicht darüber, dass Gesundheit zweifelsfrei das wichtigste Gut ist.
Ohne Gesundheit ist alles nichts.
Aber ich zehre von schönen Alltagsmomenten. Ablenkung. Zeit mit Freunden und Familie, Sorglosigkeit und leichten Momenten.
Diese allgemeine, gutgemeinte Wünscherei hält mir etwas schmerzlich vor Augen, was ich lange Zeit nicht hatte.
Etwas Existenzbedrohendes.

Und auch wenn die Überleitung etwas holprig ist: Warum wünscht mir eigentlich niemand den Millionengewinn, wenn es mit der Gesundheit nicht klappt?
Ich wiederhole: Ohne Gesundheit ist alles nichts.
Aber ich ergänze: Mit ein bisschen Geld im Hintergrund hält man eine Erkrankung einfach besser aus.

Wir widmen uns heute also einem Thema, welches uns auch durch Krisen trägt:
Die Unabhängigkeit

Mir wurde mal eine tolle Frage gestellt:
Hätte ich die Gelegenheit gehabt, mich auf die Erkrankung Krebs vorzubereiten: Was hätte ich gemacht?

Ich hätte nichts anders gemacht.
Aber ich habe die Frage umgekehrt und habe überlegt, was mir am meisten gefehlt hätte, wenn es nicht da gewesen wäre.
Es wäre die Unabhängigkeit gewesen.

Es ist mir ungemein wichtig, genau das weiterzutragen, weil die Grundpfeiler dafür in gesunden Tagen gelegt werden und schließlich niemand von uns weiß, welche Lebenskatastrophen in den zukünftigen Kapiteln unseres Lebens auf uns warten.
Deshalb widme ich den Artikel allen gesunden Personen, die diese Faktoren im Guten beeinflussen können, um in Krankheit gut aufgestellt zu sein. Lasst uns mal einen Hauptaugenmerk aufs Finanzielle werfen, das in der Tat vieles erleichtern kann.

Besondern wir Frauen neigen häufig dazu, unsere finanzielle Verantwortung abzugeben, oder aus der Hand zu geben.
„Ich kann mich ja schließlich nicht um alles kümmern“, entschuldigen wir uns selbst.
„Ich habe keine Ahnung davon“ „Ich habe keine Zeit mich reinzufuchsen“, und wir kennen es vielleicht gar nicht anders, weil unsere Väter zu Hause auch die finanziellen Angelegenheiten federführend geklärt haben.
Die eigene Finanzverwaltung wird nicht in der Schule beigebracht (leider!!).
Aber ähnlich wie in Gesundheitsfragen ist es so: Niemand wird euch so an die Hand nehmen, dass eurer eigenes Interesse zu 100% vertreten wird.
Und auch ähnlich wie in Gesundheitsfragen: Du brauchst Wissen, zu verstehen, wie du deine Finanzen aufstellst, damit sie dir finanzielle Erleichterung im Notfall bringen.
Sei selbst dein eigenes Eichhörnchen, das für den Winter vorsorgt.
Viele Frauen lassen ihre Männer nicht alleine einkaufen, weil sie nicht das mitbringen, was sie sich gewünscht und in Auftrag gegeben haben.
Und nichts gegen eure tollen Männer-, aber woher wollt ihr wissen, dass ausgerechnet jemand anderes, eure finanzielle Zukunft so ausrichtet, wie ihr es für richtig haltet?

Viele (Finanz-)Ratgeber fokussieren sich auf den sogenannten Gender-Pay-Gap, um eine Ungleichheit der Rente, um Altersarmut, oder nachhaltiges Investment für später.
Aber im Ernst: Müssen wir wirklich so weit in die Zukunft schauen? Für mich jedenfalls war Rente immer weit, weit weg. Genug Arbeitsjahre vor mir (genau genommen 37), um im Notfall Durststrecken abzupuffern, oder Strategien umzudenken.
Mein Winter war meine Krankheit, die unangekündigt kam ungeplante finanzielle Einbußen- und erhöhte Ausgaben mit sich brachte. Von jetzt auf gleich.
Sorgt deshalb nicht nur für eure Gesundheit- sorgt auch für die Grundfeiler einer finanziell abgesicherten Gegenwart.

Ein Gesunder hat tausend Wünsche, ein Kranker nur einen-.
Aber stimmt das auch?

Ich war krank. Krebskrank.
Und natürlich hatte ich den Wunsch gesund zu werden. Der Wunsch stand über allem.
Aber Dinge, die mich durch die Erkrankung tragen und trotzdem zu meiner Genesung beitrugen, kosteten Geld.
Ich hatte viele Wünsche und es steht eigentlich niemandem zu, genau dieses zu bewerten.

Mit meiner Familie frühstücken gehen. In den Urlaub zu fahren. Ins Auto steigen, und weit, weit weg vom Krankenhaus sein, um Luft zu holen.
Und so trocken, wie es sich anhört: Auch diese Wünsche kosten Geld.

Die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit während der Erkrankung kosten Geld.

Und noch mehr: Das Mundwasser, das nicht brennt und die Aphten lindert. Die Pflaster, die keinen Ausschlag verursachen. Die Salbe. Die Zuzahlung zu Medikamenten. Die Anreise zur Zweitmeinung. Die Fahrtkosten zu Krankenhausaufenthalten. Die Perücke, die Schuhe die nicht drücken. Die Fußcreme, die kommenden Gasabschläge, oder das Parkhausticket auf dem Krankenhausparkplatz.

Ihr seht- Bedürfnisse werden plötzlich zu Wünschen, in aller Demut.
In aller Lebensdankbarkeit, den Blick auf das nötig Schöne gerichtet, in Bescheidenheit gepackt, möchte ich an Glaubenssätzen rütteln:
Natürlich haben kranke Personen auch Wünsche.
Sie haben sich aber verändert und der Stellenwert liegt woanders und ich möchte, dass das von außen auch gesehen- und nicht von Dritten gewertet, oder abgesprochen wird.

Die Kosten für die Krankheit, teilen sich plötzlich das Budget zusammen mit dem Alltagskram und dem Bedürfnis, die Selbstbestimmung unter Erkrankung zu erhalten.
Was bedeutet das? Beide Budgets sind wahnsinnig beschränkt und man muss sich oft entscheiden.

Könnte ich die Uhr zurückdrehen, dann hätte ich direkt nach dem Studium eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen.
Es hätte den Spielraum meiner Wunschliste zur Erfüllung rudimentärer, kleiner Wünsche definitiv vergrößert.
Es ging mir nicht schlecht, aber der Spielraum hätte mir gut getan, Ängste genommen und Möglichkeiten vergrößert.

Könnte ich die Zeit vorspulen, dann möchte ich meinem Kind gerne mitgeben, dass die Auseinandersetzung mit Finanzen, auch die Wahrung der Unabhängigkeit einschließt. Diese zu haben, macht- auch, wenn wir das ungern hören wollen, eine Menge aus.

Viele preisen einen guten Charakterzug an, wenn man statt an sich selbst auch an andere denkt
(Ist ja auch nett!).
Aber mit der Erkrankung stehen viele vor dem Problem, sich selbst vernachlässigt zu haben im Versuch, es allen recht machen zu wollen.
Wenn du also immer zuerst an andere denkst, wer setzt dann dich an erste Stelle, wenn du dich nicht traust, es selbst ab und zu zu tun?

Ich wünsche euch allem voran Gesundheit, und gleichzeitig den Lotto-Gewinn. Ich wünsche euch auch, dass Bedürfnisse nicht zu Wünschen werden müssen, weil Geld knapp ist.
Und ich wünsche euch, dass ihr das Eichhörnchen im Sommer sein könnt, in dem euch alle Türen offen stehen für euch zu sorgen und an euch selbst zu denken.

Und auch, wenn das letzte Hemd keine Taschen hat (ahhhh- ihr habt´s gemerkt- wieder ein Glaubenssatz!),
lebt und stirbt es sich leichter, wenn man seine Lieben abgesichert weiß.
Für euch getestet- und Luft nach oben gesehen.

Geld macht nicht gesund.
Im Umkehrschluss wissen aber, dass es gut ist, wenn die Sorgenkiste nicht leerer wird, wenn neben Lebensbedrohung noch Existenzangst steht.
Geld macht nicht glücklich, aber Geld kann bestimmte Sorgen abwehren.
Mehr Geld bedeutet nicht mehr Glück- wir sind uns einig.
Aber: Ich kann nicht abstreiten, dass es bis zu einem bestimmten Punkt auch zu meinem Wohlbefinden und Glück beigetragen hat- und dabei sprechen wir nicht auf dem Niveau von Kaviar zum Frühstück, sondern einem Tierparkbesuch als Familie.

Eignet euch deshalb Wissen an. Jede Geschichte, Voraussetzung und Grundlage ist individuell und das Kind mit zunehmendem Alter (und Erkrankung) nicht in den Brunnen gefallen.
Ich verstehe, dass ich für trockene Themen appelliere: Früherkennungsmaßnahmen, Auseinandersetzung mit Finanzen, – ich hätte auch lieber einen Reiseblog.
Aber seht es so: Ich würde nicht darüber schreiben, wenn es nicht hilfreich wäre. Wenn es nicht unmittelbar mit dem Leben mit Krebs zu tun hätte. Krankheit ist eine Armutsfalle, auch, wenn wir das nicht gern hören wollen.

Und lieber Onkel Werner, eins noch: Ich wäre natürlich nicht gern du.
Ich mag mein Leben, auch, wenn es einige Ditscher auf der Schale hat.
Aber deine Gesundheit und dein lautes und ansteckendes Lachen- das hätte ich ehrlich gern!
Ich mag deinen Bauch und deine Großzügigkeit, denn sie führt vor Augen, was neben Gesundheit immer zählen wird:

Freundschaft, Familie und Lebensfreude. Sowieso.

Eure

Ein paar spannende Querlinks zum Nachlesen und Stöbern:

Natascha Weglin: Der Madame Moneypenny Podcast
Grundlagen von Wirtschaftsethik (Soziale Absicherung)
Wohlstandsstudie: Geld ist wichtiger als Glück | STERN.de

Für Kinder:
Die der kleinen Schweinchen
Die Ameise und die Heuschrecke

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Vielen Dank an Sarah, Claudia und Ulrike!

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