Vom Loose-loose, zum Win-Win.

Es muss nicht immer gleich Krebs sein, warum man länger bei der Arbeit ausgefallen ist.
Der Wiedereinstieg in den Job ist ein aufregender Prozess, auf den sich viele von uns vorbereiten – und der eigentlich schon mit der ersten Krankschreibung beginnt.
Denn obwohl wir gesetzlich gesehen nicht müssten, stellen wir uns durchaus die nicht unberechtigte Frage, ob wir unserem Arbeitgeber den Grund unserer krankheitsbedingten Auszeit mitteilen.
Wir müssen vieles, was mit unserer Erkrankung zusammenhängt nicht mitteilen.
Wir müssen nicht sagen, wie lange wir voraussichtlich krank sein werden (die Krankmeldungen gibt es im 4-Wochen-Takt), wir müssen unseren Schwerbehinderten-Ausweis nicht vorzeigen, und wir müssen auch das gesetzlich vorgeschriebene BEM (Betriebliches Wiedereingliederungsmanagement) nicht in Anspruch nehmen (müssen im Sinne von: Es muss uns angeboten werden).
Wir müssen das nicht, weil wir befürchten am Arbeitsplatz benachteiligt zu werden – müssen dann aber hinnehmen, dass wir den gesonderten Kündigungsschutz, den zusätzlichen Urlaub und auch die Bezuschussung von Arbeitsplatzgestaltung nicht in Anspruch nehmen können.
Ein ehrlich unausgewogenes loose-loose, wie ich finde.
Wie offen wir mit unserer Erkrankung in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz umgehen, bleibt eine individuelle und persönliche Entscheidung, die sehr eng mit dem Vertrauensverhältnis, der Unternehmenskultur und dem Miteinander zusammenhängt.
Es gibt tausende Artikel für Arbeitnehmer:innen zum Thema Wiedereinstieg in Berufe, aber äußerst wenige für Arbeitgeber. Dabei ist doch die Einstellung und der Umgang eines Arbeitgebers mit seinen (schwer-) behinderten Arbeitnehmern die Wurzel eines loose-loose Szenarios. Leider.
Und damit stehen wir eigentlich vor einem Mindset-Problem, denn nicht nur der Arbeitnehmer sollte sich schützen, sich mental auf der Beruf vorbereiten und einschätzen lernen- diese Verantwortung trägt auch der Arbeitgeber.
Schließlich wird dieser nicht benachteiligt.
Auch, wenn man das auf den ersten Blick so denkt (Mindset, oder?).
Und deshalb ist das heute ein Text an alle Arbeitgeber:innen dieser Welt.
Auch die Arbeitgeber profitieren davon, Langzeiterkrankte (wieder) einzustellen.
Krebs ist ein Prozess, und obwohl wir vielleicht wieder arbeitsfähig sind, sind wir noch lange nicht gesund.
Die Seele braucht länger, um gesund zu werden und Tatsache ist:
Wir arbeiten nicht schlechter als früher, wir sind nicht unbedingt unbelastbarer- wir arbeiten anders.

Dieses andere Arbeiten müssen wir erst einmal lernen. Die Arbeit ist eine Verbindung ins „frühere Leben“ und oftmals machen wir die Bürotür auf und wollen wieder dort ansetzen, wo wir aufgehört haben und offen gesagt- das funktioniert selten gut.
Die Phase wieder anzukommen, seinen Arbeitsbereich wieder zu übernehmen, neu zu denken und zu strukturieren kostet Zeit, Geduld und Verständnis.
Diese Attribute bezahlt der Angestellte mit seiner Freizeit, geistiger Gesundheit und Erschöpfung, weil er täglich an Grenzen stößt- nicht der Arbeitgeber.
In dieser Phase ist es besonders wichtig, sich aufeinander einzustellen und den Balanceakt zwischen Erwartung, erbrachter Leistung und Offenheit zu finden.
In dieser Phase passieren die größten Fehler und Missverständnisse und viele Erkrankte werfen das Handtuch, werden wieder krank, reduzieren Stunden (und lösen das Problem trotzdem damit nicht), oder kündigen das Arbeitsverhältnis, weil man sich voneinander wegentwickelt hat.
Natürlich können Sie als Arbeitgeber sich bestätigt fühlen, dass langzeiterkrankte Menschen einen Leistungsabfall vorweisen, der nicht mit Ihren Erwartungen an Arbeitsleistung übereinstimmt.
Es könnte aber auch sein, dass Ihre Unternehmung nicht gut darin ist Menschen mit Fähigkeiten zu erkennen, einzusetzen und davon zu profitieren.

Ich glaube aber daran, dass gute Arbeitsverhältnisse (hallo, Fachkräftemangel!) langfristig und nachhaltig gestaltet werden sollten und eine neue Herangehensweise an die Eingliederung von Personen gebraucht wird.
Ich lasse Sie deshalb an meinen Erfahrungen teilhaben, weil Sie vielleicht in Ihrer Unternehmung so ein offenes Feedback nicht bekommen würden (denken Sie bitte über diesen Satz nach!)
Meinen ersten Tag nach meiner Erkrankung startete ich mit gemischten Gefühlen.
Einerseits hatte ich Angst. Weniger vor meiner Leistung, sondern vor Ihrer Wertung.
Ich hatte Angst, dass man mir weniger zutrauen würde. Angst, dass man mit den Augen rollt, wenn mich eine Erkältung ausbremst (ich startete vor einer Corona-Zeit und schleppte mich deshalb nach Einwurf einer Tablette ins Büro). Ich hatte Angst, dass meine Aufstiegschancen sich zerschlagen haben und dass man mich und meine Leistung degradiert.
Außerdem hatte ich Angst davor, Erwartungen, die ich vorher erfüllt habe, zu enttäuschen.
Ich war eigentlich nicht mehr bereit mehr zu arbeiten, war entschlossen nicht erreichbar zu sein, wenn der Rechner aus ist und habe mir vorgenommen eine Vertretungssituation zu schaffen, wenn ich ausfiele.
Letztere Dinge wurden zwar nie ausdrücklich von mir erwartet, aber ich habe es eigentlich automatisch immer so gemacht, so, wie viele meiner Kolleg:innen auch.
Auf der anderen Seite freute ich mich unendlich. Wieder bei der Arbeit zu sein verschafft ein Gefühl des „Gebraucht-werdens“. Ich freute mich auf Austausch mit Menschen, die nicht krank waren.
Freute mich auf Erfolgserlebnisse, Weihnachtsfeiern, meiner sozialen Absicherung, freute mich auf Ablenkung, Forderung, Weiterbildung.
Ich freute mich auf mein Arbeitsgebiet und auf meine Lieblingskolleg:innen. Ich freute mich auf Urlaubsplanung und einen Alltag, der nicht auf den bedrückenden Krankenhausfluren stattfinden würde.
Ich habe mir einen normalen, gesunden Alltag so wahnsinnig zurückgewünscht, in dem die Arbeit einen großen Anteil hat, sodass ich mit gefühlten zwei Taschen voller Motivation und Freude vor der Tür stand und wahrscheinlich genauso hohe Erwartungen an meinen Arbeitgeber hatte, wie er an mich.
Achtung Mindset (!):
„Natürlich darf dein Arbeitgeber Erwartungen an dich haben, schließlich bezahlt er dich ja auch“, werden viele denken.
Das ist richtig.
Aber meine Arbeitsleistung und ich sind keine Produkte, und wenn es so wäre, dann möchte ich nur demjenigen anbieten, der nicht nur bezahlt, sondern auch wertschätzt.
Als ich wieder ins Arbeitsleben startete, wusste ich, dass ich eigentlich mit mehr zurückgekommen- als ich gegangen bin und habe mich wirklich gestresst, es nicht nur mir-, sondern auch meinem Arbeitgeber zu beweisen.
Leider stand ich mir oft selbst im Weg und habe mich zu oft im Vergleich zu früher verloren.
Das ist ziemlich schade, weil das Potential nicht im Früher lag, sondern an meinem neuen Verständnis von Zeit. Die war mir so kostbar geworden, dass ich Prozesse, Aufgaben und Timings vor allem effizient abarbeite.
- Zurückkehrende Mitarbeiter*innen sind motiviert („Ich hol mir jetzt mein Leben zurück“)
- Zurückkehrende Mitarbeiter*innen arbeiten effizient, weil der „Faktor“ Zeit für sie wahnsinnig wertvoll geworden ist. „Das war schon immer so!“ wird neu gedacht, Prozesse neu gestaltet und effizient durchgeführt.
- Zurückkehrende Mitarbeiter*innen übernehmen Verantwortung. Wir können relativ gut und schnell erklären, warum wir welche Entscheidung getroffen haben. Wir kommunizieren klarer, und haben gelernt unsere Befindlichkeiten in sachlichen Kontexten zu positionieren und zu begründen.
- Zurückkehrende Mitarbeiter:innen können gut priorisieren. Was wichtig ist, oder Zeit hat können wir gut und schnell(er) entscheiden.
- Zurückkehrende Mitarbeiter*innen haben eigentlich eine gute Selbsteinschätzung für Gesundheit, Gesundheitsfürsorge und setzen diese Achtsamkeit bei sich und den Kolleg*innen ein,

Liebe Arbeitgeber*innen,
Ein wesentlicher Teil eurer Unternehmensführung ist „Human Ressources“ und ihr bekommt viele Schulungen, das Beste aus den Ressourcen, die wir mitbringen rauszuholen.
Es geht um Einschätzung, Förderungen, um Angebote, Planung.
Aber ihr seid keine Freunde. Keine Angehörigen. Keine Psychologen. Und ihr seid nicht wir.
Ihr sehr nicht, was wir in den Preistopf geschmissen haben, um in Arbeitsklamotte wieder Brücken in ein gesundes Leben zu bauen.
Ich möchte euch anbieten, genau hinzuschauen in eure eigenen softskills, die ihr so gern bei uns seht- oder gar erwartet.
Denn die Ressourcen, die wir haben, sehen wir auch gern an euch.
Und wenn wir uns begegnen, und es beide schaffen einen Weg zu finden. Dann lohnt sich das.
Versprochen!
Meine erste Wiedereingliederung ist gescheitert.
Ich habe vor lauter Alltags-Vermissung nach vier Wochen Wiedereingliederung wieder Vollzeit gearbeitet.
Mit allem pipapo. Wie früher.
Es ist nicht so, dass die Arbeit mich kognitiv überfordert hätte- und vielleicht war genau das auch mein Problem- sonst hätte ich dem entgegenwirken können.
Ich habe ein halbes Jahr durchgehalten, dann bin ich wieder krank geworden.
Und dieses Mal ging es während meiner Krankschreibung nicht ums Überleben. Es ging ums Leben.
Es überforderte mich.
All die Lebenslogistik. Haushalt, Lymphdrainagen, Bedürfnisse von Haus, Kind Familie und die etlichen Arztbesuche unter einen Hut zu bringen.
Ich jonglierte Bälle in der Luft und konnte sie doch nicht alle halten.
Eine ausreichende Balance von Sport ging zu Lasten meines Soziallebens (das ich mir nach so langer Abstinenz wieder zurückholen wollte), Ehrgeiz ließ mich Überstunden machen und an jedem Punkt habe ich mich müde, energielos, schmerzerfüllt und niedergeschlagen gefühlt.
Zugegeben: Kein gutes Image für Wiederkehrer.
Im zweiten Anlauf klappte es deutlich besser.
Ich war nicht mehr wie früher. Ich habe mich aus dem Gefühl des Scheiterns geholt, arbeite Dinge nacheinander ab, suche konstruktive Lösungen.
Ich arbeite weniger und das ist gut so.
Die Differenz meines Lohns bekomme ich durch eine Teilerwerbsminderungsrente bezahlt.
Zum ersten Mal in meinem Leben arbeite ich in Teilzeit- und nicht alles daran ist gut (mir fehlt zum Beispiel oft der Nachmittag, um Arbeitsaufkommen in eine ruhigere Tageszeit zu legen)- aber ich fühle mich ausgeglichen und effizient.
Arbeitsabläufe und Prozesse sehe ich im abteilungsübergreifend, und meine konstruktiven Vorschläge und Fragen werden gehört, wahrgenommen und gewertschätzt.
Meine Mitarbeitergespräche fallen durchweg positiv aus- und das gibt auch mir die Bestätigung, dass meine Leistung nicht gemindert betrachtet, sondern neu gewertet wird, meine Fertigkeiten werden eingesetzt.
Ich fühle mich nicht mehr leistungsgemindert und bin es auch nicht.
Ich bin ein High-Performer gewesen und bin es heute auch.
Und diese Auszeichnung liegt nicht in der Quantität, sondern daran, dass meine Qualität anders geworden ist.
Ich schaffe nicht mehr multi-tasking-mäßig alles. Ich sause nicht wie ein Oktopus mit acht Armen um meinen Schreibtisch herum. Besser: Ich arbeite so, dass genau das überhaupt nicht mehr nötig ist.
Übrigens überträgt sich all das in alle Lebensbereiche.
Nicht jede/r hat dieses Glück.
Es gibt Krankheiten, die sind nicht heilbar und Zustände verschlechtern sich signifikant.
Aber: Es gibt Möglichkeiten.
Menschliche Möglichkeiten, wie ein Unternehmen human mit Mitarbeitenden umgehen kann.
Rentenversicherungsträger, Integrationsämter und -Dienste, oder die Agentur für Arbeit stehen nicht nur den Erkrankten, sondern besonders Arbeitgeber*innen beratend zur Verfügung.
Arbeitsplatzausstattung, Ausgleichszahlungen- an vielen Stellen ist der Arbeitgeber abgesichert, um gesundheitseingeschränkte Personen zu beschäftigen und vollumfänglich von ihren Skills zu profitieren.
Die Erhaltung und die Bezuschussung dieser Arbeitsplätze ist strukturell in Deutschland besonders gut ausgeprägt- nur die Wenigsten wissen davon.

Was wir wissen: GenZ geht durch die Presse.
Devot an einem Arbeitsplatz zu hängen, aus blanker Existenzangst heraus – die Zeiten sind vorbei.
Die Entwicklung zeigt: Auch Wiederkehrer, Langzeiterkrankte und schwerbehinderte Arbeitnehmerinnen sind gute Arbeitnehmerinnen. Sehr gute sogar.
Es lohnt sich aus Personalsteuerungsgründen diese Ressource zu nutzen und den Mehrwert zu halten, zu fördern und einzusetzen.
Spätestens jetzt lohnt es sich doch eine Rundmail in die Geschäftsführungsrunde zu schreiben und einen Prozess in die Jahresplanung aufzunehmen:
Umgang mit guten, und erkrankten Arbeitnehmer*innen.
Ziel: Looser- Looser. Winner- Winner. Chickendinner.
Und einer meiner wichtigsten Lebensweisheiten, darf in diesem Artikel natürlich nicht fehlen:
„Nur weil du heute bester Gesundheit bist, bedeutet es nicht, dass morgen…….“
Es kann jederzeit, jeden treffen.
Auch dich, Chef.
Auf die Gesundheit!
Eure

Ps. Hat dir der Beitrag gefallen? Weißt du- ich schreibe nicht für mich. ich schreibe von Herzen für dich.
Falls du mich auf einen Kaffee einladen möchtest, dann freue ich mich sehr.
Wenn du Chef bist, und einen „Aha-Moment“ hattest- ich freu mich auch über eine Einladung zum Mittagessen 😉
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Ein Kommentar zu „2023 Wiederkehr in den Job nach Langzeiterkrankung“