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2024 Zeitmanagement und Lebensqualität nach Krebs

Als ich vor einigen Jahren mit meiner Brustkrebsdiagnose konfrontiert wurde, begriff ich schlagartig, wie kostbar Zeit ist, wenn man ihren Wert bedroht sieht.
Früher war ich nahezu verschwenderisch mit ihr.
„Das mache ich in 3-5 Jahren….“
„Wenn ich mal in Rente bin, dann….“
„Irgendwann werde ich…..“

Mit einer Brustkrebsdiagnose bekommt der Faktor Zeit eine neue Bedeutung. Mir gelang es in der Akutphase nicht in Zeiträumen zu denken. Sie waren schlichtweg unvorstellbar für mich.
Sie wurden zu vorsichtigen Wünschen und waren keine lebhaften und selbstverständlichen Visionen mehr, Demütig wünschte ich mir das kommende Weihnachten, einen kleinen Urlaub- oder ein Frühstück mit meiner Familie herbei, die sich zeitweise so unerfüllbar anfühlten, wie der Wunsch nach einem Lottogewinn.

Zeit ist ein unfassbares Privileg, Nicht über Zeit nachdenken zu müssen, verschwenderisch mit ihr umgehen zu können sind hoffnungsvolle Perspektiven.

Irgendwann wurde ich mutiger.
Wünsche wurden wieder greifbarer und auch die Zeiträume streckten sich.
Es gelang mir immer besser in die kommende Jahreszeit zu denken- aber sehr lange nicht darüber hinaus.
Ich sah nichts. Es lähmte mich und nahm mir die Luft zum atmen.

Als ich die Diagnose zum zweiten Mal bekam, dachte ich – wie beim ersten Mal, dass es das gewesen sein muss.
Die Zeiträume, die sich vorsichtig streckten, lähmten mich wieder. auch heftiger und langfristiger.
Brustkrebs muss kein Todesurteil sein- aber es fühlte sich bei jeder Diagnose zuerst so an.
Ich irrte mich. Glücklicherweise.

Ein weiterer Irrtum war, dass ich glaubte, dass ich wieder gesund werden würde, wenn ich den Krebs überstanden hätte. Etwas, worauf ich mich nicht vorbereitet hatte, dass ich heute kränker bin, als jemals in meinem Leben zuvor.
Es ist nicht so, dass mein Leben weniger lebenswert, weniger glücklich, oder beeinträchtigt wäre- wirklich nicht.
Aber die Etappe „Leben nach Krebs“ ist eine, in die man hereinvertrauen und hineinwachsen muss.

Häufig vergleicht man seinen Zustand nach den Therapien mit dem Leben vor der Diagnose- klar- man kennt es nur so,
Aber das ist weder seelisch, noch körperlich, noch optisch möglich.


Und so startet das Leben danach, auf das man so wenig vorbereitet wird. Traut sich nicht zu klagen, weil man „es“ geschafft hat. Überstanden hat. Krebs gehabt hat.
Die neuen Einschränkungen, neuen Diagnosen haben oft keinen Namen mehr.
„Zustand nach Mamma Ca“, steht auf den Bögen.
Dass Schmerzen im Spiel sind, Entbehrungen, Erschöpfung, Müdigkeit, Taubheit, Entzündungen. Lebenseinschränkung, Fatigue und auch Traurigkeit versteht niemand. Man selbst zunächst auch nicht.

Der Wunsch nach lässiger Sexualität, Ausgelassenheit und das Bedürfnis nach einer ausgewogenen work-life-Balance- das sehen viele nicht im „Zustand nach Mamma Ca“, Es ist ein Zustand im Kräfte-Dispo. Kurz vor Insolvenz.

Das machte mich unglücklicher, unbalastbarer, dünnhäutiger. Ich fühlte mich missverstanden und die stummen „high fives“, die „sie haben es geschaffts“, die glitzernden und freudigen Augen meines Umfeldes konnte ich überhaupt nicht sehen.
Ich war enttäuscht von mir.
Lange habe ich mir dieses Privileg gewünscht- und ich fühlte mich vom Leben und Alltag erschöpft, den ich mir so sehr zurückgewünscht habe.

Es dauerte über ein Jahr. Es kostete Freundschaften- aber ich musste mein Leben grundlegend ändern.
Die Crux ist: Ich liebte mein Leben wie es war. Ich wollte es eigentlich nicht ändern. Ich wollte es nicht einschränken und ich wollte nicht im Van durch Thailand fahren.
Ich liebte mein Leben, so wie es war- ich schaffte es nur nicht mehr, es lebenswert zu leben.
Ich weiß, dass das sehr negativ klingt.
Ich las bisher auch am Liebsten Geschichten, in denen es hieß, dass den Leuten Mut gefehlt hatte, ein „Aha“- Moment dazu führte, dass sie den Job kündigten, alles verkauften und eine Lama-Farm in Andalusien eröffneten.
Ihr Leben änderten, weil ihnen klar wurde, wie belastend es bisher gewesen ist.
Ich wollte keine Lama-Farm. Ich wollte mein piefiges Leben als unaufgeregte Stadtrandpomeranze zurück.
Weil ich glücklich war. So, wie ich vorher lebte, war ich erfüllt. Es war alles perfekt- und genau so würde ich es heute wieder leben, wenn man die Uhr 37 Jahre zurückdrehen würde.


Irgendwann hörte ich beim Aufräumen einen Podcast und es kam wieder der Faktor Zeit ins Spiel.
Ich dachte viel darüber nach.
„…. Zeit ist deshalb so wertvoll, weil es keinen bezahlbaren Gegenwert hat….“, sagte die Gesprächsführerin.
„Wenn ich in eine Situation komme und mir fehlt Geld, dann kann ich es mir notfalls leihen. Ich kann es auch verleihen, anlegen und vermehren, aber mit Zeit geht das nicht. Jede Sekunde, die verstreicht ist unwiederbringlich weg. Zeit kommt nie wieder und niemand wird dir jemals eine Woche leihen können, wenn du keine mehr hast“.

Ich musste mich setzen.

„….. und deshalb musst du mit der Zeit, die du hast gut umgehen. Und du musst auch dein Umfeld dazu bringen gut damit umzugehen“

Es klickte.

Ich begann mein Leben grundsätzlich zu strukturieren.
Grenzen zu setzen fühlte sich zunächst falsch an, aber sie erweiterten mein Spektrum der mir zu Verfügung stehenden Zeit, Ich machte Dinge nacheinander, ich strich energiefressende Aufgaben, gliederte sie aus, oder investierte nicht länger als nötig in sie.
Aus einem getakteten Lebensrhythmus entstanden Routinen, die mir mit der Zeit leichter fielen.
Aus Routinen wuchs Struktur, und aus Struktur entstanden wieder Inseln für Spontanität.

Das nahm Zeit in Anspruch. Und es war nicht immer angenehm. Wer Grenzen setzt, verschiebt Grenzen anderer und nicht immer passiert das ohne Wiederstand.
Trotzdem hat es sich gelohnt zunächst mit dem Kräfte-Dispo noch mehr in die Miesen zu gehen.
Ich investierte in mich.
„Alles, was kein „ja“ ist, ist automatisch ein „nein““

Heute schreiben wir das Jahr 2024 und es sind inzwischen neue Menschen in mein Leben getreten.
Menschen außerhalb einer Krebsbubble,
Manchen von ihnen erzähle ich, warum und unter welchen Umständen mein Mann und ich geheiratet haben,
Oder woher ich meine Freundin kenne, die ich regelmäßig besuche. Oder dass ich einen Podcast mache, oder warum ich Münzen vom Boden nicht aufheben-, oder meine Bluse nicht zuknöpfen kann, so regelmäßig zum Sport (=Rehasport), zur Physio, oder zur Lymphdrainage gehe und ich trotzdem nicht aussehe wie der sportlichste Mensch auf diesem Erdenball.
Sie wundern sich.

Man sieht mir meine Erkrankungen heute nicht mehr an und dass, obwohl sie weiter ein Teil von mir sind.
Ich arbeite in einem sinnstiftenden Bereich. Fast 10 Jahre schon und es macht mir weiterhin Spaß, auch, wenn ich die Wiedereingliederung beim ersten Mal nicht geschafft habe und einige Zeit später neu beginnen musste.
Ich gehe gern ins Büro, ich brauche den Schwatz an der Kaffeemaschine, lese gern die Teammails („ich verabschiede mich in den Urlaub!“, oder: „Danke für die Glückwünsche, es steht Kuchen in der Küche!“). Ich lerne mit meinem Sohn Vokabeln, wir debattieren über gekochtes Gemüse, Medienzeiten. Ich stehe am Fußballrand, fahre das Kind hin und her, gehe gern auf Konzerte, oder gieße mein Gemüse. Stadtrandpomeranzig-schön.

Es sind gerade Sommerferien und ich verfolge auf Social-Media Mütter, die erleichtert sind, dass die Ferien vorbei sind. Ich verstehe das- wirklich.
Besonders, wenn man selbst noch so angeschlagen, dünnhäutig und ausgebrannt ist, (Ich verurteile das nicht!).

Aber für mich sind die Sommerferien die Zeit, in der ich richtig verschwenderisch mit meiner so kostbaren, begrenzten und wertvollsten Ressource umgehe und sie richtig unbeschwert auf den Kopf haue.
In den Ferien ist Zeit keine Ressource.
Keine Regeln, keine Strukturen. Kein Routine. Frühstück mal um 11:00 Uhr, mal um 8:00 Uhr.
Ein Tag schnorcheln, Mittagsschläfchen.
Eis zum Frühstück, Keine Neins, Saus, Braus und Larifari.
Ich begrenze keine Medienzeit, schlendere über den Markt, schreibe Artikel aus dem Bauch heraus- nicht nach Deadline.
Da ich keine Termine habe, liebe ich die Langeweile.
Ich starre in die Luft, gehe aufs Himbeerfeld, spiele mir an den Füßen.
Alles daran macht mich glücklich. Ich lade mich mit jeder Freibadpommes auf.
Ich verschiebe Dinge auf morgen, übermorgen. Irgendwann.
Ich gehe weder zum Rehasport, noch zur Physio, noch zum Arzt. Alle Termine mache ich wann? Genau: Später.
In meinen Ferien gibt es keine Zeit. Ferien sind Ferien. Auch für mich.

In den Sommerferien halte ich meinen Mann an der Hand und stelle mir vor, wo wir Urlaub machen, wenn das Kind aus dem Haus ist. In ein paar Jahren, Irgendwann.

In den Sommerferien lasse ich Geschirr stehen und gehe gern in Freibad. In den Freizeitparkt, In den Tierpark. Irgendwohin. Jenseits meiner Routinen.
Sommerferien sind für mich unbeschwerte Wochen, die ich nach meinen Bedürfnissen, ohne Einschränkungen leben kann.
Mit gutem Gewissen sage ich deshalb: Ich mag meine Arbeit, aber konsequent denke ich nicht an sie,
In den Sommerferien bin ich Peter Pan. Es ist, als wäre ich nie krank gewesen, Als gäbe es keine Einschränkungen, als gäbe es heute, morgen und übermorgen in sattem Überfluss.
Mit Sonnencreme und Wassermelone.

Wenn wir nach den Ferien unsere Sachen wieder richten, die Terminkalender sich wieder füllen, und die Brotdose in den Schulranzen wandert, bin ich wehmütig, aber keinesfalls traurig.

Ich habe in den Sommerferien meine Zukunft gelebt und in meine Wünsche und Träume neu justiert, Zukunftsperspektiven ersponnen.
Und das, liebe Leserinnen ist genauso wichtig, wie das Leben mit Struktur.
Weil es genau die Erinnerungen sind, die mich durch Zeiten tragen, in denen ein morgen mit die Luft zum Atmen raubt.

Und jetzt los, Tinkerbell- mit Cape, Schild, und einer handvoll Sommerglitzer geht’s für mich in die jährlichen Nachsorgen.
In FlipFlops.

Eure



Erkennst du dich wieder?
Mit diesem Artikel habe ich das wertvollste mit dir geteilt, was ich habe:
Meine Zeit und meine persönlichsten Gedanken.
Zeit kann man sich verschönern und ich tue das am Liebsten mit Erinnerungen.
Ich freue mich deshalb über ein kleines Klingeln in meiner Kaffeekasse (hier entlang),
Und weil ihr mich so unendlich unterstützt (danke dafür!), war ich gestern mit meinem Sohn dafür im Heidepark,
Tausend Dank für one more Yes-Day!

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