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2025 Nachsorge: ein Leben nach Krebs

Medizinisch gesehen ist die onkologische Nachsorge eine Art medizinisches Monitoring.
Nach der kräftezehrenden Therapie wird kontrolliert, wie die Behandlung angeschlagen hat.

Theoretisch gesehen ist die onkologische Nachsorge etwas, was durchgeführt wird,
wenn die Akuttherapie erfolgreich abgeschlossen wurde.

Zeitlich gesehen fühlte sich der Beginn der Nachsorge nicht nach einem Abschluss an. Nach einem Neubeginn irgendwie auch nicht.

Obwohl die Akuttherapie abgeschlossen war, fühlte ich mich nicht gesund.
Denn erst jetzt begann die eigentliche Heilung, Regeneration und die Aufarbeitung, die Genesung.

Die Nachsorge ist die Zeit, in der wir anfangen über das Leben nach Krebs zu sprechen.

Ich bin zunächst nicht so ganz mitgekommen.
Freunde und Familie hissten die Fahnen „Es ist abgeschlossen, du hast es geschafft!“, Fäuste Richtung Himmel- Konfetti in die Luft.
Und ich? Ich war ein bisschen dazwischen.

Für mich war der Beginn der Nachsorge nicht dieses „eine Datum“ eines Therapieendes.
Es war kein Moment, der Erleichterung brachte. Ich fühlte mich kranker, als jemals zuvor und hatte doch eine Behandlung abgeschlossen.

Ich fühlte mich leer, fremd, verletzt und unsicher.
Es gab wenig Gelegenheit zum Aufatmen.
Wenig Transferzeit zwischen Akuttherapie und Nachsorge- kein vorsichtiges Hineingleiten.

Die Nachsorge ist für mich eine Zeit, in der man versucht mit dem Erlebten zu leben.
Es ist eine Zeit, die dann beginnt, wenn man dachte „alles überstanden“ zu haben.
Es ist die Zeit, in der Krebs nicht mehr jeden Tag dominiert- aber eben auch nie ganz aus dem Leben verschwindet.

Man wird nicht wieder die Alte (und das darf man auch vermissen, oder traurig finden).
Man ist verändert, optisch, emotional- und sich selbst auf vielen Ebenen fremd.
Manchmal (inzwischen nicht mehr so oft) schleicht sich die Angst vor einem Rückfall leise und gemein in den Alltag ein. Kleine körperliche Beschwerden lösen manchmal Sorgen aus.
Nachsorgen werfen dann Benzin ins Feuer und löschen es mit einem „alles okay“ wieder blitzartig,

Alltag hilft und Routinen geben Halt.
Die Arbeit, die Familie, das eigene Zuhause sind mein Safespace.
Es sind Orte, an denen das Leben weitergeht und der Abstand zum Klinikalltag hilft ungemein.
Die Monster unter meinem Bett schlafen immer mehr und oft vergesse ich sie sogar ganz.
Immer dann, wenn der Alltag besonders fest da ist.

Heute sieht man mir meine Erkrankung nicht mehr an.
Die Haare sind schon längst wieder lang, die Wangen rosig, und in meinem Kopf ist wieder Platz mich über die kleinen Dinge des Lebens zu freuen – und zu ärgern.

Wenn es für mich in die Nachsorge (oder Vorsorge anderer Krebserkrankungen) geht, dann ziehen Schleierwolken durch mein Bullerbü.
Denn selbst wenn die medizinischen Werte stimmen, die bildgebenden Untersuchungen aus dem Lehrbuch stammen könnten, Tumormarker im grünen Bereich sind und Kontrolltermine ohne Befund verlaufen wird mir bewusst, dass die Krankheit immer ein Teil von mir sein wird.
Nicht sichtbar, aber spürbar.

Ich habe mir mein Leben zurückgeholt und ich möchte es keinesfalls beschönigen: Es ist viel Arbeit im Spiel und es hat unendlich lange gedauert.
Meistens wache ich auf und fühle mich altersentsprechend stark und lebendig, fast wie früher.
Und es gibt die Tage, in denen mein Körper müde ist, obwohl ich genug geschlafen habe.
In denen sich das blanke Atmen nach Erschöpfung anfühlt. Tage, an denen ich mich zwingen muss, meine Therapien, Physios, Untersuchungen wahrzunehmen. Weil ich müde bin, und mir doch keinen Abstand erlauben kann.
An solchen Tagen merke ich, dass meine Nerven dünner und mein Geduldsfaden kürzer geworden ist.

Der Krebs hat Spuren hinterlassen und man lernt mit einer Fragilität zu leben.
Meine lebensverändernde Erkenntnis ist, diese nicht mehr als Schwäche zu werten und sie doch wahrzunehmen.

Vielleicht ist das diese Unsichtbarkeit der Erkrankung.
Ich bin erschöpft, habe manchmal Sorgen, Schmerzen, einen ganzen Nachsorgetherapieplan mit etlichen Nebendiagnosen. Ich sehe gesund aus- und würde es so gern selbst auch glauben.
Genauso wie Ängste rücken auch Kolleteralschäden in den Hintergrund und werden für andere unsichtbar, während sie für mich mal mehr- mal weniger spürbar sind.
Beim Einkaufen, beim Arbeiten, oder während ich lache.

Alltag ist etwas, was ich mir zurückgewünscht und zurückerobert habe.
Er ist meine größte Kraftquelle und hat eigentlich gar nichts mit der Nachsorgezeit zu tun, sondern mit einem Umgang, für den ich mich entschieden habe.

Mein Alltag ist mir heilig, und ich gehe sehr sorgfältig damit um.
Ich setze Prioritäten und suche mir die Menschen, mit denen ich Zeit verbringen möchte sehr genau aus.
Zeit ist mir wichtig.
Eine ganze Weile habe ich die Fähigkeit für smalltalk verloren (und wurde deshalb für unfreundlich gehalten).
Bin ich nicht. Wirklich nicht.
Smalltalk kam mir so banal vor und ich wollte meine Kraft lieber für ein gutes Gespräch verwenden, als für 10 kurze, angerissene Floskeln.
Ich priorisiere sehr schnell, und sehr klar und bereue selten Dinge, die ich aus dem Bauch heraus entscheide.
Ich war ein people-pleaser. Heute weiß ich, dass Klarheit nicht immer kränkend sein muss, sondern durchaus konstruktiv wegweisend sein kann.
So mache ich das- und so hinterfrage ich mich auch immer wieder selbst.
Meine Krankheit ist nicht verantwortlich dafür- das habe ich erreicht, gemacht und umgesetzt.
Aber: Ohne der Krebsfolgen wäre ich nicht zu dieser Klarheit gekommen, die ich heute als große Lebenserleichterung empfinde.

In der Nachsorge geht es nicht darum, den Krebs zu vergessen.
Aus meiner Sicht geht das gar nicht und sollte auch nicht das Ziel sein.
Es geht vielmehr darum, ihm einen Platz im Leben zu geben, ohne dass der den ganzen Raum einnimmt.

Die Kür ist, Dinge als positiv zu bewerten, die ohne die Erkrankung nicht passiert wären, für die man dafür umso dankbarer ist und den Fokus auf das Gute im Schlechten setzen.

Jeder Kaffee am Morgen, jeder Geburtstag, jedes Schlendern durch die Drogerie ist für mich ein Beweis, dass ich wieder da bin und dass ich lebe.
Und wenn ich heute so im Stillen in den Wartezimmern sitze, dann wird mir klar, dass ich nichts davon jemals verloren habe.

Ich bin stolz auf mich. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Nicht, weil ich den Krebs überlebt habe, sondern weil ich Mut habe, mit ihm zu weiterzuleben. Ich schätze Selbstverständlichkeiten, und halte sie doch nicht für selbstverständlich.
Weil ich mich Tag für Tag einem Leben zuwende, auch wenn Ängste (unsichtbar) mitlaufen.


Ich weiß jetzt, dass stark sein nicht bedeutet, die Konfettikanonen nach der letzten Chemo zu zünden:
Es bedeutet auszuhalten, aufzustehen und weiterzumachen.

Es sind nicht die Haare, die nach der Therapie so bewundernswert sind. Es ist nicht das Lachen, oder die Positivität.
Es ist die Begegnung mit der eigenen Stärke, die so auszeichnend ist. Fast ehrfürchtig.
Und dieser Stärke begegne ich, indem ich zurückblicke in die schwerste Zeit meines Lebens. In der Ängste mir nahe sind. Und das Leben nach Krebs so unwirklich und instabil scheint. Auch heute noch.

Wenn ich im Krankenhausflur vor den Geräten sitze und den Patientenbogen ausfülle.

Zur Nachsorge.

Genau dann wird mir bewusst:

Diese wiederkehrende Fragilität, die Teil dieses Lebens nach Krebs geworden ist, ist das, was uns stark macht.

Und wenn ich es so sehe, dann zahle ich ihn gern. Diesen Preis für Resilienz.

Eure


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Dieser Artikel ist werbefrei. Ich schreibe ihn nach einem Arbeitstag, nachdem das Kind im Bett liegt und Ruhe in Chaoshausen herrscht.
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